Kultur & Gesellschaft

Vorarlberger Projekt formuliert Angebot für einen modernen Wertefächer © Ethify Projekt/FH Vorarlberg
Vorarlberger Projekt formuliert Angebot für einen modernen Wertefächer © Ethify Projekt/FH Vorarlberg

Kooperationsmeldung

THEMA | Innovationen am Prüfstand der Ethik - Von Roland Alton

14.05.2012

Finanz-, Schulden- und Wachstumskrise regen zum Nachdenken an. Welche Innovationen benötigen wir, um wieder Halt und Sinn zu stiften? Occupy wurde von der amerikanischen Dialektgesellschaft zum Wort des Jahres 2011 gewählt. Die Bewegung hinterfragt nicht nur Mechanismen der Geldschöpfung und Umverteilung von Werten, sondern formuliert auch Kritik an einer Wirtschaftsweise, die ewig währendes Wachstum verspricht. Innovationen gelten als Schlüssel zum Erfolg und verheißen einen Ausweg aus diversen Krisen. Cui bono? Ethical Innovation versucht genauer hinzusehen: welche Innovationen schaffen welchen Erfolg, bringen Wachstum für wen, um welchen Preis und nach welchem Menschenbild?

Innovationen auf den Prüfstand zu stellen ist schwierig. 1972 etablierte sich in den USA das Office for Technology Assessment, wurde jedoch 1995 aufgelöst. Schwesterinstitutionen existieren noch in einigen europäischen Ländern, in Österreich ist es das Institut für Technikfolgenabschätzung an der Akademie der Wissenschaften mit 20 Mitarbeiter/innen. Diese haben gegenüber der wesentlich mächtigeren Lobby in der Gesetzgebung allerdings kaum Einfluss. Sie sehen sich mit dem Collingridge Dilemma konfrontiert: Wirkungen von technischen Entwicklungen sind schwer prophezeibar und wenn sie da sind, können sie nicht rückgängig gemacht werden. Neben der Einschätzung durch Experten oder der Beratung von Stakeholdern hat die Technikfolgenabschätzung weitere Methoden entwickelt: Constructive Technology Assessment (cTA) versucht, direkt Einfluss auf die Gestaltung zu nehmen, indem etwa soziale Faktoren in die Entwicklung eingekoppelt werden. Tenor der zehnten TA Tagung in Wien im Jahr 2010: Längst geht es bei Innovationsprozessen nicht mehr nur um Risikoabschätzung, sondern um komplexe ethische Fragestellungen. Typische Prinzipien der Technikgestaltung wie Nachhaltigkeit, Vorsorgeprinzip oder Schutz der Privatsphäre werden jedoch nicht mit einer übergeordneten Ethik argumentiert.

Zweite Aufklärung

Im "anything goes" des auslaufenden zwanzigsten Jahrhunderts haben sich unterschiedliche Wertehierarchien entwickelt: Hedonisten, Performer oder Genügsame argumentieren konträr, wie sich Gesellschaft und Wirtschaft entwickeln sollen. Das Spektrum reicht von der Gewinnmaximierung zur Befriedigung von Eigentümerinteressen, über ein Fortschreiben des Wachstums, um die Armut zu besiegen, bis hin zum Aufruf zur Reduktion auf allen Ebenen, um Ausbeutung und Klimawandel einzugrenzen. Die postmoderne Vorstellung, dass sich das alles schon irgendwie nebeneinander ausgehen wird, weicht nun mit Krisen allerorten und Occupy einer Einsicht, wieder über Grundwerte und gemeinsame Ziele sprechen zu müssen. Beflügelt durch Social Media Kanäle stellen sich Kampagnenerfolge ein: Die Finanztransaktionssteuer ist Thema der europäischen Finanzminister und die ACTA, SVP and PIPA Initiativen der Copyright-Industrie blitzen in den Parlamenten ab.

Das Ethify Projekt an der FH Vorarlberg formuliert ein Angebot für einen modernen Wertefächer. Losgelöst von Konfessionen wurden neun Werte nicht nur beschrieben, sondern auch Anwendungen für Personen, Unternehmen, Organisationen, Gemeinden und Produkte ausformuliert. Zugrunde liegen Menschenrechte, kulturell gewachsene Werte und eine Überzeugung, dass die Grenzen des Wachstums erreicht sind, wie dies der Club of Rome seit mehr als 40 Jahren postuliert. Auch Innovationen erhalten damit einen Raster, nach dem sie überprüft werden können. Ähnliche Bewertungsverfahren wurden ebenfalls im Jahr 2010 publiziert: die Gemeinwohlbilanz oder ISO 26000 stellen Unternehmen auf den Prüfstand und initiieren Prozesse. Mit Feigenblattprojekten lassen sich zwar noch CSR-Preise gewinnen, doch eine glaubhafte Corporate Social Responsibility setzt bei der Strategie an und zieht sich durch alle Unternehmensprozesse einschließlich des Leitbildes für Innovation. Zur Klärung der Werte und zur Planung empfiehlt sich ein Nachhaltigkeits-Canvas, das ist ein interaktives Poster, über welchen auch konkrete Fortschritte ablesbar sind.

Über Werte reden

Technische und soziale Innovationen bringen uns weiter und sind schwer zu stoppen, weder durch wissenschaftliche Befunde, noch durch legistische Maßnahmen. Erfinder, Marktführer und Nischenanbieter können ihren Innovationen eine bestimmte Richtung geben. Deren Gestaltung sollte Rücksicht nehmen auf ein Ethos mit Weitblick. Die Beurteilung von Innovationen beruht ja immer auch auf einem bestimmten Welt- und Menschenbild, und dieses gilt es stets auf den Prüfstand zu stellen. Neun moderne Werte und deren Bedeutung für die Produktgestaltung werden nachfolgend beschrieben. Sie sollen auffordern, sich selbst zu positionieren.

(1) Gerechtigkeit bedeutet Engagement gegen Ungleichheit, Unrecht und Ungerechtigkeit mit friedlichen Mitteln. Für Produkte bedeutet dies: Gesetze, Rechte der Tiere und Arbeitnehmerschutz werden respektiert. Beachtung der Zulieferkette, dass etwa in Herkunftsländern Gewerkschaften erlaubt sind. Mindestlöhne und Steuern werden bezahlt. (2) Umsicht heißt Respekt vor Umwelt, Mensch und Tieren. Bewusst genießen, ohne zu schaden und nur verbrauchen, was wirklich notwendig ist. Das bedeutet einen minimalen Einsatz von Ressourcen, Recyclierbarkeit, eine einfache oder keine Verpackung, alles biologisch abbaubar. Wir können eine (3) Balance im Leben erreichen wenn wir gleich viel Zeit und Energie aufwenden für a) Erwerbsarbeit, b) Sorgearbeit (sich kümmern um Haushalt, Kinder, Garten oder Pflege), c) bei Kultur, Sport und Bildung und d) bei der Mitgestaltung der Umgebung.

(4) Selbstbestimmung heißt, Ziele setzen und sie auf selbst bestimmten Wegen mit Empathie verfolgen. Auch mal Grenzen ausloten, ohne anderen Freiheiten zu nehmen oder überheblich zu sein. Gestaltungswille zeigen und das Produkt, die Dienstleistung oder den Prozess stets optimieren. Sich dem Markt stellen, denn der Mitbewerb fördert auch die eigene Innovationskraft. Verantwortung übernehmen, indem die Möglichkeit des Umtauschs in einer großzügigen Frist angeboten wird. (5) Kooperation suchen und anbieten, denn Zusammenarbeit, Solidarität und Transparenz zahlen sich aus. Verlässlichkeit, Kollegialität, Freundschaft und Partnerschaft pflegen. Das fördert Zusammenarbeit, demokratisches Verständnis und vermittelt Wertschätzung. (6) Fairness bedeutet dabei, sich angemessen, ehrlich und respektvoll zu verhalten. Das heißt auch, dass ein innovatives Produkt auf aggressive Werbung verzichtet, sich nicht aufdrängt, faire Arbeitsbedingungen bei der Produktion eingehalten werden und Preis sowie Gewinnspanne des Handels nicht überhöht sind. Inhaltsstoffe und Herkunft sind klar ersichtlich, Nutzungsbedingungen verständlich aufbereitet.

Bei Innovationen geht es auch darum, (7) Zufriedenheit zu erreichen und zu erkennen, was wirklich gut tut, im Moment, am Tag, im Leben. Oft braucht es dazu keine Erfindung, sondern einfach eine Erkenntnis oder bloß Anerkennung. Ein ethisches Produkt unterstützt die Zufriedenheit, ohne vorher neue Bedürfnisse wecken zu müssen und hilft mit, die Ansprüche maßvoll zu halten. Mit (8) Güte Wissen, Werte, Erfahrung und Besitz zu teilen, stärkt Gemeinschaften - nicht alles muss ein Preisetikett haben. Produkte müssen auch leistbar sein für Minderheiten und Bedürftige. Modifikationen der Produkte und Dienstleistungen durch den Kunden sollen möglich sein. Zuletzt geht es auch um (9) Geduld. Wir können Kindern, Verwandten, Kranken und Alten Zeit schenken oder etwas reparieren und wiederverwenden. Ein Produkt oder eine Dienstleistung soll nicht für Spontankäufe vermarktet werden, sondern von hoher Qualität und auf lange Haltbarkeit ausgelegt sein.

Notbremse ziehen

Wer einen Innovationsauftrag umsetzt, hat mitunter auch mal Gewissensbisse. Der Weg zurück ist meist unmöglich, manchmal hilft die Hasentaktik: eine faire Innovation parallel austüfteln, die die erste überflüssig macht. Und wenn sich's gar nicht vermeiden lässt: eine zweite Identität kann auch Gutes schaffen, Betätigungsfelder gibt es genug. Mediengestaltern empfehle ich, fragwürdige Kampagnen auszuschlagen, und wenn das nicht geht, zusätzlich einen AdBuster (Anti-Werbe-Spot) zu gestalten, welcher eine Marke karikiert oder ethische Problemfelder aufzeigt. So erschlägt ein Nespresso Schild ein Double von George Clooney in einem Spot von Solidar Suisse, weil Nestlé bisher keinen fair gehandelten Kaffee in Kapseln anbietet. Wer in dieser oder einer ähnlichen Form die Nebenwirkungen einer Innovation aufzeigt, landet jedoch oft selbst im Dilemma: Nicht selten steigt die angeschwärzte Marke mit einem frecheren Image und mehr Aufmerksamkeit aus der Asche empor. Wenn dann noch die Politik nicht ausreichend reguliert, bleibt nur noch die tägliche Übung, selbst ethisch auf Spur zu bleiben.

Links

Arbeitsschwerpunkte des ITA: http://www.oeaw.ac.at/ita/d1-2.htm

Nachhaltigkeits-Canvas zum Download: http://ethify.org/vorwaerts

Ethify Yourself Online Buch & Plakat & Test: http://ethify.org

AdBuster Sammlung: http://ethify.org/content/adbuster

Der Autor

DI Dr. Roland Alton konzipiert seit 1994 Innovationslabors, zuletzt die net culture labs im Museumsquartier und in Dornbirn, aus denen sich eine Reihe von spin-offs entwickelt haben. Er lehrt an der FH Vorarlberg Medienethik, Nachhaltige Entwicklungsprozesse und Social Media und sucht seine Balance mit genossenschaftlicher Arbeit, der Betreuung dreier Kinder, beim Tourengehen und Wandern, der Pflege eines Apfelbaums, mit Medienkunst und Engagement für Creative Commons und die Creativwirtschaft Austria in der WKO. Veröffentlichungen und Kontakt auf http://roland.alton.at

E-mail an die Redaktion: innovating@apa.at

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