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Die Digitalisierung wird neue Märkte schaffen © APA (AFP)
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Inspector Gadget am Fließband: 5 Thesen zu Industrie 4.0

23.05.2017

Das Konzept 4.0 verblüfft durch eine völlig a-historische Betrachtungsweise und lädt in manchen Punkten zu einer Reise in die späten 1970er Jahre ein. Der Fokus auf die Zahlenspielereien rund um "automatisierungsgefährdete" Jobs ist dabei genauso unsinnig, wie die Vorstellung Arbeit 4.0 wäre Industriearbeit mit mehr technischen Gadgets und Internetanschluss. Die bisher diskutierten Szenarien der Vierten Industriellen Revolution sind konservativ und setzen vorwiegend auf Kontinuität: also Industrie 3.0 mit Grundsicherung. Es wäre auch die erste Revolution, die auf amtliche Anordnung stattfinden würde.

These 1: Sämtliche Annahmen über die Skills der Zukunft deuten in Richtung einer Qualifikationsstruktur, die nicht primär den MINT zuzuordnen ist. Die notwendige Ausbildung wird (tatsächlich) interdisziplinär sein müssen, und geprägt sein, durch einen intensiven Austausch zwischen den Sozialwissenschaften und den unterschiedlichen Technikwissenschaften. Es wird um unstrukturierte Problemlösungen gehen und um sozialpsychologische Kalküle hinter digitalen Plattformen: breite Denkhorizonte und sich schnell in neue Arbeitsumgebungen einarbeiten können, wird genauso zentral sein, wie hohe soziale Kompetenz und erstklassige Kommunikationsfähigkeiten. Die amtliche Losung "alle in die MINT" ist schlicht das Gegenteil, von dem was gefordert ist.

These 2: Die Organisation der Märkte die Angebot und Nachfrage nach Dienstleistungen regulieren, werden sich viel grundsätzlicher ändern als gegenwärtig diskutiert. Die Zahlenspielereien mit "automatisierungsgefährdeten" Jobs ist die völlig falsche Blickrichtung und lenkt von sinnvollen Innovationen nur ab. Es werden nicht nur völlig neue Marktmechanismen entstehen, die neue Dienstleistungsstrukturen ermöglichen, sondern auch neue Kapitalisierungsmöglichkeiten werden sich bieten. Ein wesentlich höherer Anteil an "selbstständiger Arbeit" ist eine gute Nachricht, es gibt keinen Anlass für nostalgische Blicke auf den "Industriejob".

These 3: Die wesentlichen Szenarien von Industrie 4.0 zielen auf Effizienzsteigerung. Das ist schon in Ordnung, aber nicht die Zukunft der Wirtschaft. Die "Digitalisierung" wird neue Märkte schaffen und mit Hilfe neuer Technologien neue Spielregeln und deren Kapitalisierung entwickeln. Der 4.0-Ansatz hat keine horizontale Marktsicht sondern nur eine vertikale Technologiesicht, das kann bei aller Technikbegeisterung nicht die Zukunft sein.

These 4: Fokus auf marktschaffende Innovationen: Wer 4.0 haben will, muss auf marktschaffende Innovationen zielen, und die Hightech-Obsessionen hinten anstellen. Die bekommt man nur mit der Kreation neuer Märkte, neuer Spielregeln und Dienstleistungen. Die 4.0-Ideen stehen in Verbindung mit einem überholten Technology-Push Innovationsbegriff, der seit drei Dekaden als überholt gilt. Sie zielen auf effizienzsteigernde nicht marktschaffende Innovationen. Das bedeutet nach allg. Lehre das es zu keinen ernsthaften Nachfrageeffekten kommt (die wir auch erleben).

These 5: Die "Rückkehr der Produktion" sollte bestenfalls ein untergeordnetes politisches Ziel sein. Die Fokussierung darauf wird eine Intensivierung staatlicher Förderungen von Ansiedelungsstrategien in Gang setzen, und die notwendige Innovationspeitsche für die europäischen Innovationssysteme wieder im Schrank lassen. Das Problem mit der schwachen europäischen Innovationsfähigkeit, trotz Vorhandensein von wettbewerbsfähiger Industrie, muss offensiver angegangen werden und sollte nicht primär auf die Ausweitung von Subventionierungsprogrammen zielen.

Über den Autor:

Bernhard Seyringer ist Foresight-Analyst, Autor und Gründer von MRV Research in Wien sowie Vorstand von Media Research Vienna; er schreibt für die Paris Tech Review die Kolumne "How did we miss this?" sowie Artikel in CityLab (The Atlantic) über die Zukunft der Stadt; darüber hinaus für Austria Innovativ, die Gesellschaft für Zukunftsforschung, das Industriemagazin, Communication Director, etc. Seyringer war von 2000-2004 als Politikberater, danach als Foresight-Analyst für das EIPPR (European Institute for Public Policy Research, Brüssel) im Bereich Außenpolitik tätig; von 2006 bis 2010 war er Beobachter der Commission for Radio and Television Policy in South,-East,-and Southeast Europe; von 2008-2009 war er Vorstand von Urban Research Linz; seit 2004 ist er Herausgeber von XING Magazin, seit 2012 Präsident von Euroscience Austria.

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