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Neue Lösungen finden durch Design Thinking © T.Fundneider/M.Peschl
Neue Lösungen finden durch Design Thinking © T.Fundneider/M.Peschl

Kooperationsmeldung

THEMA | Design Thinking als Quelle für das profund Neue

23.04.2012

Von Thomas Fundneider

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, neue Mitarbeiter paarweise anzustellen? Bleiben Sie gelassen, wenn beim Brainstorming mehr Fragen als Antworten generiert werden? Sind Sie schon jemals als Erwachsener in einem Klassenzimmer gesessen und haben die Malstifte der Kinder genauer angesehen?

Warum Fragen wie diese wichtig sind, welche Relevanz sie für Innovation im Allgemeinen und für Unternehmen im Besonderen haben und wie durch einen design-basierten Ansatz das Neue in die Welt kommen kann, wird im Folgenden ausgeführt.

Vertraute Muster helfen nicht

“Design Thinking“ bezeichnet typische Arbeitsweisen und mentale Modelle von Designdisziplinen. Dieses Feld ist gerade im Entstehen. Daher beschreibt dieser Beitrag keine definierte Vorgehensweise, sondern grundsätzliche Prinzipien und veranschaulicht diese mittels Beispielen.

Die uns umgebende, zunehmend nicht vorhersehbare Welt macht immer wieder deutlich, dass unsere analytisch geprägte Herangehensweise häufig nicht mehr ausreicht, um wirklich komplexe Probleme nachhaltig zu lösen; die traditionellen Werkzeuge und Methoden geben uns nicht mehr jene Unterstützung und Sicherheiten, die wir uns von ihnen erhoffen. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die sogenannte Finanzkrise. Immer öfter beschleicht uns dieses Gefühl des Unbehagens und wir sind auf der Suche nach Alternativen. Wenn dann aber Entscheidungen getroffen werden müssen, fallen wir auf alte, vertraute Muster und Modelle zurück. Diese führen in der Regel zu nicht adäquaten und unbefriedigenden, da schalen Ergebnissen. Warum aber sind viele Organisationen davon überzeugt, komplexe Probleme durch ein Arsenal an analytischen und vorwiegend quantitativen Werkzeugen lösen zu können? Ein design-orientierter Prozess beantwortet diese Frage nicht letztgültig, zeigt aber, wie sie mit einer qualitativen, explorativen und zugleich systematischen Herangehensweise vor allem das profund Neue hervorgebracht (evoziert) werden kann.

Design Thinking als alternative Herangehensweise

Der Begriff “Design Thinking“ beschreibt einen design-orientierten Prozess, und meint damit deutlich mehr, als die oft verbreitete Auffassung von Design als “ansprechendes oder cooles Aussehen“. Typisch dafür ist etwa, dass die Auseinandersetzung mit Design häufig erst am Ende von Produktentwicklungsprozessen, z.B. in Form einer “Behübschung“, stattfindet.

Design Thinking wird jedoch viel früher wirksam und beginnt bei strategischen Grundsatzfragen, welche die gesamte Organisation betreffen. Es handelt sich dabei um einen Pool an Methoden und Haltungen, die für unterschiedliche Anwendungsfelder (Wissenschaft, Wirtschaft) einen neuen design-basierten und prozess-orientierten Ansatz bieten. Der Designprozess selbst ist bewährt und erprobt, jedoch wurde die Relevanz für andere Kontexte, wie etwa Innovation und Strategie, lange nicht erkannt.

Das “Was“ kommt vor dem “Wie“, immer!

Was charakterisiert diese andere Herangehensweise und warum kann sie bessere Ergebnisse liefern? Zentral für Design Thinking ist der konsequente Fokus auf das Aufspüren, Verstehen und Übersetzen latenter Bedürfnisse und Sehnsüchte von potentiellen Anwendern einer Innovation. Dies darf jedoch nicht mit Crowdsourcing verwechselt werden. Vergessen Sie auch Ergebnisse aus Kundenbefragungen und Marktstudien! Hier geht es um viel mehr. Es geht um die Frage, was zukünftige Anwender begeistert und z.B. in Funktion, Aussehen und Haptik “entzückt“. Ziel ist nicht, bestehende Märkte zu „beliefern“ oder Produkte davon abzuleiten, sondern gänzlich neue Märkte zu kreieren.

Design Thinking beschäftigt sich zentral mit dem “Was?“ und “Warum?“, mit dem Wesen des Innovationsgegenstandes. Im Gegensatz zu Naturwissenschaftern, Technologen, Managern oder klassischen Innovationsinstrumenten, die sich häufig (und voreilig) auf die “Wie?“-Frage stürzen. Leitend bei dieser Vorgehensweise ist die Exploration der Intention des Neuen und nicht, ob z.B. das neue Mobiltelefon eine eingebaute Kamera hat.

Das fordernde und intensive Herantasten an den Zweck eines Innovationsvorhabens hat ein außerordentliches Potenzial für gänzlich neue Einsichten und kann den weiteren Verlauf der Innovationsarbeit radikal verändern. Die Auseinandersetzung mit dem Wesen führt häufig dazu, dass Problemstellungen plötzlich zum ersten Mal überhaupt erkannt und beschrieben werden können.

Eine Konsequenz daraus ist, dass erfolgreiche Ergebnisse (Innovationen) in Folge meist “einfach“ wirken, wie zum Beispiel Dysons Airblade : In 10 Sekunden und mit 80% weniger Energieeinsatz werden die Hände getrocknet. James Dyson hat kreativ nach dem “Was?“ gefragt, und nicht noch einen weiteren Händetrockner mit marginal veränderter klassischer Technologie produziert: "Man steht etwas hilflos im Waschraum und versucht, seine Hände mit einem Händetrockner zu trocknen. Irgendwann gibt man einfach auf und es endet damit, dass man seine Hände an der Hose trocken wischt. Das hat mich immer geärgert. (J. Dyson)".

Ein Design-basierter Prozess beginnt immer mit einer sehr intensiven Research-Phase, um durch minutiöses Beobachten, Hinterfragen und Re-Kombinieren den Kern und den Kontext der potentiellen Innovation zu verstehen. Es geht um das Hervorbringen neuer Bedeutung und die Abbildung der Essenz dessen, was am Markt fehlt, was andere noch nicht umgesetzt haben, aber latent nachgefragt wird. So lässt sich zum Beispiel die italienische Firma Alessi alle 10 Jahre auf einen solchen ca. einjährigen Research-Prozess ein. Vor allem junge Designer und Architekten werden von Alberto Alessi persönlich angerufen, um herauszuarbeiten, wohin sich die Designsprache die nächsten Jahre entwickeln wird. Hier geht es noch nicht um konkrete Produkte, sondern um die Schaffung eines Containers, also die Designsprache, innerhalb dessen zukünftige und gänzlich neue Produkte entstehen können.

Ambiguität aushalten können

Ein weiterer essenzieller Aspekt für Design Thinking ist das Zulassen unterschiedlicher Betrachtungsweisen auf ein Thema und auf die Möglichkeitsformen eines Objektes, ohne der Versuchung zu verfallen, rasch fertige Lösungen produzieren zu müssen. Der Physiker David Bohm erachtet das Aufrechterhalten eines Zustandes der Ambiguität als essenziell für das Hervorbringen außergewöhnlich kreativer Denkleistungen. Im Unternehmensalltag trifft man diese wichtige Inkubationszeit jedoch nur selten an. Ein guter Indikator dafür, wie viel Ambiguität zugelassen wird, ist ein Brainstorming. Dominieren fundierte und eloquente Fragen, dann befindet sich das Team bereits im Problemlösungsmodus. Sind jedoch Fragen wie „Was wäre wenn...?“, „Könnten wir nicht...?“, „Was bedeutet das eigentlich?“ vorherrschend, dann ist die Gruppe noch im Explorieren und bietet einen schützenden Container für das Vordringen zu den entscheidenden Fragen. Dies Herauszufinden bedarf eines sehr feinfühligen Hinhörens, am besten durch eine Person, die selbst nicht am Brainstorming beteiligt ist.

In den (richtigen) Fragen liegt die Antwort

Letztendlich müssen natürlich Antworten gefunden werden. Auf dem Weg dorthin priorisiert jedoch der design-orientierte Prozess Fragen über Antworten und sieht erstere als vorrangiges Mittel zum Ziel. Im Gegensatz dazu steht ein analytisches Vorgehen nach dem Muster (vorgegebenes) Problem, dessen dahinter stehende Fragen nicht mehr gestellt werden (dürfen), muss durch eine rasche und eindeutige Lösung bewältigt werden. Jerry Hirshberg schildert einen Fall bei Nissan Design International, als sie nach der Fertigstellung eines Kindermobiliars „angemessene“ Farben für diese Möbelstücke suchten. Fokusgruppen oder Marktumfragen halfen nicht weiter. Die zündende Idee für die Farbenfrage hatte eine Designerin: sie setzte sich in Kindergartengruppen und untersuchte die Farbstifte der Kinder auf ihre Abnutzung hin. Interessanterweise waren die Ergebnisse nicht die erwarteten grellen Farben, sondern sehr subtile, blasse (erwachsene) Farbtöne. Die Antwort wurde gefunden, aber nur nach einer eingehenden Auseinandersetzung und mit einer kreativen Art und Weise zu fragen.

Selber weiter fragen

Design Thinking ist ein breites Feld und einige Facetten wurden in diesem Beitrag beleuchtet. Der Autor lädt die Leser und Leserinnen ein, sich damit auseinanderzusetzen und macht mit folgenden Fragen einen Anfang: Können Sie sich vorstellen, paarweise Anstellungen vorzunehmen, um das Potenzial von gegensätzlichen kognitiven Fähigkeiten, fachlichen Herangehensweisen und persönlichen Eigenschaften zu nutzen? Wollen Sie in ihrer Organisation wirklich immer nur “ausgeglichene“ (in jeder Hinsicht) Individuen? Geht es nicht vielmehr um ausgeglichene Teams oder größere soziale Gefüge, die aber durch leidenschaftliche und polarisierende Einzelpersonen interessant werden und in der Ambiguität des vorerst Unlösbaren so lange verharren können, bis sich aus dieser das Neue seinen Weg bahnt?

Design Thinking wissenschaftlich

Der Begriff geht auf Roger Martin (Rotman School of Business) und Tim Brown (IDEO) zurück, taucht in unterschiedlichen, teilweise konkurrenzierenden Kontexten auf, wie z.B. “Cognitive Design“ (Peter Stephan (Kunsthochschule für Medien Köln)) oder "Design-driven Innovation" (Roberto Verganti, Politecnico di Milano). Er kann leicht missverstanden werden, da neben dem Denken vor allem das Tun zentral ist.

Der Autor

Thomas Fundneider ist Gründer des Beratungsunternehmens tf consulting (www.tfc.at) und des Ateliers für Innovationen theLivingCore (www.thelivingcore.com). Der Fokus seiner Arbeit liegt im Bereich radikale Innovation, Design Thinking, offene Innovationsprozesse (Open Innovation, Crowdsourcing), Strategiedesign, Enabling Spaces und Entrepreneurship. Er ist zudem regelmäßig als Experte für Evaluierungen der Europäischen Kommission tätig, betreut mehrere Start-Ups und lehrt an der Johannes Kepler Universität in Linz.

Service

Eine Definition von Design: http://redalyc.uaemex.mx/redalyc/pdf/375/37504907.pdf

Veranstaltung: Vienna Design Week, 1. bis 11. 10. 2009, www.viennadesignweek.at

E-mail an die Redaktion: innovating@apa.at

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